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Wintersonnenwende - St. Brighde von den Inseln

John Duncan, St. Bride, 1913 - National Galleries of Scotland
John Duncan, St. Bride, 1913 - National Galleries of Scotland

Die Zeit um den 21. Dezember ist die Zeit der kürzesten Tage und der längsten Nächte. Der Herzschlag der Erde wird langsamer, Pflanzen und Tiere begeben sich in den Winterschlaf, um im Dunklen Energie zu sammeln für das kommende Frühjahr.

Auch unserem menschlichen Körper und Geist können die Dunkelheit und Ruhe guttun, wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen. Die Ruhe "zwischen den Jahren", lange Abende bei Kerzenschein und Kaminfeuer,  Zeit zum Hören und Erzählen von Geschichten - das alles stärkt unsere Seelen für die Zeit, wenn die Tage wieder länger werden.

In diesem Jahr ist die Wintersonnenwende am 21. Dezember um 16.58 Uhr mitteleuropäischer Zeit erreicht.  Für einige Tage scheint die Dunkelheit zu bleiben, bis dann um den 24. Dezember herum für achtsame Beobachter sichtbar wird, dass die Tage ganz langsam wieder länger werden. Noch ist das Neue, das kommt, nur zu ahnen. 

In diesen Tagen möchte ich dir eine weihnachtliche Legende aus Schottland erzählen. Sie ist verbunden mit der Heiligen Bridget von Kildare, die in Schottland als Muime Chriosd, als Hebamme und Pflegemutter Christi in Ehren gehalten wird. Zum ersten Mal begegnet ist mir diese Legende in der bildgewaltigen Nacherzählung „St Brighde of the Isles“ von William Sharp alias Fiona MacLeod. Manches darin wird dir vielleicht merkwürdig vorkommen, doch für das keltische Denken ist an der Reise, von der ich dir erzählen möchte, nichts Ungewöhnliches.


Iona - Foto: privat
Iona - Foto: privat

Der durchdringende Ruf eines Austernfischers war das Erste, was durch seine Benommenheit drang. Dughall begann zu husten und spuckte einen Schwall Salzwasser in den Seetang, auf dem sein Kopf lag. Vorsichtig öffnete er die Augen. Sein Kopf dröhnte schlimmer als nach einer durchzechten Nacht. 

Dann wieder ein klagendes Geräusch - doch das war eindeutig kein Austernfischer. Das war doch… ? Mühsam richtete Dughall sich auf. Nur eine  Armlänge entfernt lag das Bündel und wimmerte. Es war am Leben, das Kind war am Leben, sie hatten beide überlebt – den Göttern sei Dank. Dughall kroch zu dem Bündel und nahm es in den Arm, sprach beruhigend auf das Kind ein, wiegte es in seinen Armen. Und nur für den kleinen Bruchteil eines Augenblicks dachte er darüber nach, was wäre, wenn das Kind nicht überlebt hätte.  Hätte es dann eine Rückkehr nach Erin für ihn gegeben… ?

Aber das Kind lebte und er war alles, was die Kleine hatte. Er musste herausfinden, wo sie waren. Hatte der Sturm sie an die Küste Schottlands getragen? Oder hatten die zornigen Wellen sie auf einer der kleinen Inseln an Land gespült? Als Dughall aufstand, wurde ihm einen Augenblick schwarz vor Augen. Doch dann hob er das Kind auf seine Arme und ging mit festem Schritt über den feinen Sandstrand hin zu den grünen Hügeln, wo er in der Ferne eine dünne Rauchsäule sah. 

 

Schon bald sah er von den Hügeln her eine Gestalt auf sich zu  kommen. Der Fremde winke von Ferne, fast als hätte er Dughall erwartet. Es war ein Mann, alt  - ohne Zweifel -  und doch hoch aufgerichtet mit durchdringenden klaren Augen. 

"Willkommen, Dughall Donn, willkommen auf Iona“, grüßte der Fremde. Dughall kam gar nicht dazu sich zu wundern, woher der Fremde seinen Namen kannte. Da nahm dieser schon das Kind aus seinen Armen und sagte: "Komm, du und deine Tochter, ihr seid nass und sicherlich hungrig – kommt mit in meine Hütte und wärmt euch auf."

 

In der Hütte des Fremden brannte ein behagliches Torffeuer. Der Alte ließ  eine Frau aus dem Dorf holen, die sich um das Kind kümmerte. Der Alte selbst kochte einen Topf mit Porridge und stellte ihn vor Dughall auf den Tisch, dazu einen Krug voll selbstgebrautem Ale. Solange Dughall aß und trank, schwieg er, doch dann sagte er: "Nun mein Freund, ich bin gespannt, deine Geschichte zu hören." Dughall wusste, dass es keinen Sinn hatte zu lügen. Er beschloss, ganz einfach die Wahrheit zu erzählen:

"Ich bin Dughall Donn, Sohn von Hugh, einem Edelmann in Erin. Es war mir bestimmt, einst nach meinem Vater das Oberhaupt meines Stammes zu sein. Doch die Liebe wurde mir zum Verhängnis. Brocca war ihr Name. Sie war eine Sklavin im Haus meines Vaters. Sie kam aus einem fremden Land und sie glaubte an einen fremden Gott. Mir war das gleichgültig. Sie war anders als alle Frauen, die ich bis dahin getroffen hatte. Sie hat mir ihr Herz geschenkt und ich ihr das meine. Das war genug. Ich wollte sie heiraten. Doch mein Vater verweigerte uns seinen Segen. Eine Heirat mit einer Sklavin, dazu noch mit einer Fremden kam für ihn nicht in Frage. Als Brocca trotzdem schwanger wurde, tobte er vor Zorn. 

Brocca starb kurz nach der Geburt des Kindes. Mit ihren letzten Atemzügen beschwor sie mich, unserem kleinen Mädchen den Namen Brighde zu geben und sie nicht zu verlassen. Mein Vater dachte, er könne die Sache nun aus der Welt schaffen. Er wollte für mich eine standesgemäße Ehefrau und rechtmäßige Erben. Deshalb stellte mich vor die Wahl: Entweder sollte ich das Kind von den Klippen ins Meer werfen oder zusammen mit der Kleinen das Land verlassen und niemals zurückkehren. Nun, wie du siehst, habe ich mich für letztere Möglichkeit entschieden. Vor drei Tagen nahmen wir ein Schiff, das uns nach Schottland bringen sollte. Doch das Schiff geriet in einen der Winterstürme. Wellen und Wogen gingen über uns – einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Schließlich brach der Mast und riss das Schiff mit sich in die Tiefe. All unsere Mitreisenden sind ertrunken. Nur ich und das Kind wurden wie durch ein Wunder gerettet und hier an Land gespült.“

 

"Ein Wunder ist es wahrhaftig“, sagte der Alte. "Und doch ist es seit langem vorherbestimmt, dass ihr hier auf Iona, der kleinsten der schottischen Inseln gelandet seid. Deine Tochter umgibt ein großes Geheimnis. Es ist mein Wunsch, dass sie hier auf Iona aufwächst. Ich selbst werde sie unterweisen. Du selbst kannst auch hier bleiben, wenn du willst. Aber dann musst du deine Namen ändern. Als Duvach, der Schafhirte soll man dich kennen. Wenn du willst, nimm dir eine Frau. Behandle Brighde stets so, als wäre sie deine Seele. Aber lass sie viel allein und lass sie lernen von der Sonne und vom Wind."

 

So geschah es. Die Jahre vergingen und Brighde wuchs heran. Die Schönheit der Schöpfung war ihre tägliche Nahrung. Sie tobte über die grünen Hügel, lief den Schafen und Kühen ihres Vaters hinterher und jagte den Wind. An Sommer-Tagen lag sie nackt wie ein junger Seehund am Strand und ließ sich von der Sonne wärmen.  Der weise Alte von Iona nahm sie oft mit sich, wenn er über die Insel ging. Er lehrte sie die Sprache der Tiere zu verstehen. Er lehrte sie, den Lauf der Sterne zu deuten. Er zeigte ihr die Kräuter und Heilpflanzen der Insel und erklärte ihr, welche Pflanze welche Kraft besaß. Und in allem lehrte er sie die Liebe zu allem, was lebt.

Dun I, Iona - Foto: privat
Dun I, Iona - Foto: privat

Es war in jenem Jahr und an jenem Tag als Brighde 17 Jahre alt wurde. Das warme und beständige Wetter war gekommen, doch die Lieblichkeit des Frühlings lag noch in der Luft um dem Sommer Frische zu verleihen. Noch vor Sonnenaufgang war Brighde aufgestanden. Stolz und ein wenig wehmütig betrachtete Dughall Donn seine Tochter als sie ihr langes rot-blondes Haar kämmte. Wie groß sie geworden war! Brighde küsste ihren Vater auf die Wange. Dann lief sie allein den Hang in der Mitte der Insel hinauf. Auf dem Gipfel des Dun-I erwartete sie der weise Alte von Iona, um gemeinsam mit ihr die aufgehende Sonne zu begrüßen. Es war eines der alten Sonnenfeste, die bis heute auf den Inseln gefeiert werden. Gemeinsam sangen sie die alten Gesänge und sprachen die alten Gebete. Als die Sonnenscheibe sich langsam im Osten aus dem Meer erhob, breitete der Alte seine Arme aus, um das Licht zu begrüßen. Dann legte er seine Hände auf Brighdes Kopf und segnete sie:

 

„Möge das Licht deiner Seele dich leiten.

Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen

Möge das Licht deiner Seele dich wärmen, trösten und erneuern.“

 

Ohne sich noch einmal umzuschauen stieg Brighde den Berg hinab und schlug den Weg ein zu der Quelle, an der sie als Kind oft gespielt hatte. Am Ufer standen zwei einzelne Ebereschen. An diesem Morgen hatten die Kronen der beiden Bäume sich einander zugeneigt, so dass sie einen Torbogen bildeten. Von der See her erklang der Ruf des Austernfischers als Brighde durch das Tor aus Ebereschenzweigen trat. Eine kühle Meeresbrise nahm sie in Empfang und Zeit und Raum versanken.

 

Heißer Sand knirschte unter Brighdes Füßen. Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und hinterließ eine salzige Spur in ihrem Gewand. Soweit sie schauen konnte, bedeckten Sand und dürres Gras den Boden. Der weise Alte von Iona hatte ihr oft von fernen Sonnenlanden erzählt, in denen fremdartige Bäume wuchsen, die man Palmen nannte. Ob es Palmen waren, die sie in der Ferne am flimmernden Horizont sah? Träumte sie? Wo war sie? Verwirrt schaute Brighde sich um.  Im Westen, dort wo nun langsam die Sonne unterging, sah sie einige weiße Häuser. Und von dort kam nun auch eine Gestalt auf sie zu, in fremdartiger Kleidung und doch vertraut:

"Da bist du ja, mo cridhe“, grüßt der Herannahende sie im vertrauten Gälisch und Brighde stieß einen kleinen Schrei der Erleichterung aus als sie die Stimme ihres Vater erkannte. "Wo hast du nur deinen Krug gelassen, mein Kind?“

"Meinen Krug, Vater?“

"Ach, du bist eine Träumerin. Du hast ihn sicher bei der Quelle stehen lassen! Doch was macht das schon? Es gibt ohnehin kaum noch Wasser in dieser Trockenheit. Brighde, Brighde, was ist los mit dir? Träumst du denn immer noch?“

"Ich habe geträumt von einer kühlen, grünen Insel in nördlichen Meeren, wo…“

"Wo du niemals gewesen bist und niemals sein wirst, du dummes Mädchen.  Doch nun lass uns zurückgehen ins Haus – ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“

Und so gingen Brighde und Dughall Donn den staubigen Weg zurück zu den Häusern, die sich noch immer hell gegen die Dämmerung abhoben. In den engen Gassen duftete es nach frisch gebackenem Fladenbrot und fremdartigen Gewürzen. Schließlich kamen sie zu einem Hof, in dem Kamele und Esel dicht gedrängt beieinander lagen. Dahinter lag die Herberge, in der Dughall Donn Gäste aus aller Herren Länder beherbergte. Die meisten von ihnen machten dort zum letzten Mal Rast bevor sie am  Ziel ihrer Reise, in der großen Stadt Jerusalem ankamen. Als sie durch den dunklen Hof schritten, klopfte Dughall gegen eine der hohen Amphoren, die dort standen und es klang dumpf und hohl.

"Schau her, Brighde. Es ist kaum noch ein Tropfen Wasser darin. Das einzige, was ich unseren Gästen noch anbieten kann, ist unser gutes, selbstgebrautes Ale. Doch kein Mensch kann immer nur Ale trinken. Von den Tieren ganz zu schweigen. Es ist Monate her, dass es das letzte Mal geregnet hat.“

Die beiden setzten sich in die leere Gaststube. Dughall nahm die Hände seiner Tochter.

"Hör mir gut zu, mein Kind: Mein Großvater hat mir einst von einer geheimen Quelle erzählt, die niemals versiegt. Sie soll am Ölberg in Jerusalem liegen. Ich werde morgen die Esel und Kamele mit Schläuchen beladen und dorthin ziehen. Und so Gott will, werde ich mit reichliche Wasser für uns alle zurückkehren. Aber das wird ein paar Tage dauern. Und in dieser Zeit bist du allein in der Herberge, mein Kind. Ich sage dir: Öffne ja niemandem die Tür! Lass keinen Gast herein – egal wie sehr er auch bittet. Versprich es mir, Brighde! Wir haben ohnehin kein Wasser mehr, um irgendjemanden zu versorgen. Alles, was ich dir hierlassen kann, ist diese Kanne mit abgestandenem Wasser und dieser Krug mit Ale. Behalte es für dich allein und gib niemandem etwas davon, denn ich möchte dich bei meiner Rückkehr nicht verdurstet und tot vorfinden!“

Brighde gab dem Vater ihr Wort und am nächsten Morgen brach Dughall Donn in aller Frühe auf und seine Knechte begleiteten ihn mit den Tieren.

 

Es war am Nachmittag des dritten Tages. Es war so heiß, dass selbst die Zikaden verdurstet aus den Bäumen fielen. Da hörte Brighde ein Klopfen am Tor der Herberge. Zuerst wollte sie nicht öffnen, doch es wurde hartnäckig weiter geklopft. Schließlich schaute sie nach. Ein Mann stand dort, staubig und verschwitzt, mit sonnenverbrannter Haut und trockenen, rissigen Lippen. Neben ihm ein Esel mit hängenden Ohren und vom Staub verklebten Augen. Auf dem Rücken des Esels saß eine junge Frau. Die Frau war hochschwanger und sah unendlich müde und erschöpft aus.

"Beannachd dia dhuit“, sagte der Mann auf Gälisch. "Der Segen Gottes über dich und dieses Haus. Wir bitten dich um Herberge für diese Nacht und ein wenig Speise und Trank.“

"Seid willkommen! Und Friede sei mit euch“, antwortete Brighde. Sie zögerte. "Es tut mir leid, doch ich kann euch keine Herberge geben, denn mein Vater hat mir verboten, Fremde einzulassen.“

Da blickte die fremde Frau sie an mit ihren dunklen Augen und es war Brighde als hätte sie diese Augen schon einmal gesehen, irgendwo in ihren Träumen - in einer anderen Welt.

Brighde drehte sich um und winkte den beiden, ihr zu folgen. Sie führte sie in die Gaststube und stellte den letzten Krug Ale und die letzte Kanne Wasser vor sie, dazu etwas Fladenbrot, das sie Morgen noch gebacken hatte. Der Mann und die Frau aßen und tranken hungrig.  Schließlich sagte der Mann:

"Du sollst das Wort, das du deinem Vater gegeben hast, nicht noch weiter missachten. Aber gibt es nicht irgendeinen Stall oder Schuppen, in dem wir schlafen können?“

Ja, natürlich, das war eine Möglichkeit. Der Vater hatte ja fast alle Tiere mit auf die Reise genommen. Der Stall war beinahe leer, nur ein alter  Ochse war da geblieben. Und so führte Brighde die beiden über den Hof in den Stall. Sie brachte ihnen noch ein paar Decken, doch dann verabschiedete sie sich rasch, denn die beiden brauchten dringend Ruhe.

Doch es dauerte  nicht lange, da klopfte es erneut an der Tür. Draußen stand der Mann. Josef war sein Name – das wusste Brighde mittlerweile: "Schnell, du musst kommen und meiner Frau helfen, die Wehen haben eingesetzt! Das Kind kommt!“

 

Brighde hatte noch nie bei einer Geburt geholfen, aber sie kannte ein paar  Kräuter, die den Wehenschmerz erträglicher machten. Sie lief in die Vorratskammer und fand tatsächlich einen Krug mit getrockneten Himbeerblättern und einen mit Frauenmantel. Mit dem letzten übrig gebliebenen Wasser kochte sie daraus einen Tee und folgte Josef in den Stall.

Es war Marias erstes Kind und die Geburt dauerte, trotz der helfenden Kräuter. Doch schließlich war das Kind da und Brighde durchtrennte die Nabelschnur und reichte Maria den kleinen Jungen. Er war überraschend kräftig und rosig. Maria betrachtete den Kleinen und zählte seine kleinen Finger und Zehen, so wie es wohl fast jede Mutter tut. Dann reichte sie ihn Brighde: "Halte ihn ein paar Augenblicke für mich, Brighde, meine Schwester, damit ich mich ein wenig ausruhen kann.“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, war sie schon vor Erschöpfung eingeschlafen.

Brighde wickelte den Kleinen sorgsam in ihren weiten, warmen Mantel, wiegte ihn in ihren Armen, strich sanft über den kleinen Kopf und sang ihm Schlaflieder auf Gälisch.

Bald schon war der Kleine eingeschlafen. Und auch Josef schlief mittlerweile tief und fest, zusammengerollt in einer Ecke des Stalls. Sein Schnarchen drang zu Brighde herüber.

Doch Brighde schlief nicht. Sie wachte über dem Kind. Die ganze lange  Nacht hindurch. Nach einigen Stunden erwachte der Kleine und wurde unruhig. Da hob Brighde ihn an ihre Brust und stillte sein Weinen. Und draußen fielen die ersten Regentropfen auf das dürre, ausgetrocknete Land.

 

In jener Stunde starb auf der fernen grünen Insel der weise Alte von Iona mit einem Lächeln in seinem Gesicht und seine letzten Wort waren diese: "Gesegnet seist du, Brighde. Als Brighde-nam-Brat, als Brighde mit dem Mantel wird man dich auf ewig in Schottland verehren."

 

Als der Morgen dämmerte, erwachte Maria und nahm das Kind aus Brighdes Armen. Sie küsste die junge Frau auf die Stirn und sagte: "Brighde, meine liebe Schwester. Durch alle Zeiten hindurch sollst du Muime Chriosd, die Pflegemutter Christi genannt werden."

Kaum hatte sie das gesagt, da fiel Brighde in einen tiefen Schlaf. Sie schlief den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht. Und sie schlief noch immer, als Dughall Donn am Morgen des nächsten Tages von seiner Reise zurückkehrte. Er fand sie in dem Stall, im Stroh liegend neben der Futterkrippe. Verwirrt blickte Dughall sich um. Irgendetwas war hier geschehen. Doch es war niemand zu sehen, außer seiner schlafenden Tochter. Sanft berührte er sie am Arm: "Brighde, stell dir nur vor, es hat endlich geregnet. Frischer herrlicher Regen! Und der Regen hat die Brunnen und Zisternen neu gefüllt mit lebendigem Wasser!“

"Mit dem Wasser des Lebens, das niemals versiegt…“, murmelte Brighde wie im Traum und schlief weiter. Dughall Donn betrachtete seine schlafende Tochter nachdenklich. Einen Augenblick lang kniete er neben ihr im Stroh und etwas in ihm formte sich zum Gebet. Als er sich erhob, war Friede in ihm. Er breitete ihren Mantel über sie, der über der Krippe hing und verließ leise den Stall.

 

Einige Stunden später erwachte Brighde. Ihr war als hätte eine Kinderstimme sie gerufen. Sie erhob sich aus dem Stroh, legte den Mantel um ihre Schulter und trat hinaus in den Hof und dann auf die Straße. Niemand beachtete sie als sie durch das Stadttor hinausging. Eine Zeitlang folgte sie der Straße in Richtung Jerusalem, dann brach die Dämmerung herein. Der Mond leuchtete durch die Wolken. Die Hügel waren vom Regen über Nacht wieder grün geworden. Und im Mondlicht sah Brighde Fußspuren im taubedeckten Gras. Die ganze Nacht folgte Brighde den Fußspuren, die immer wieder vor ihr aufleuchteten. Doch nie sah sie eine Menschenseele. Als die Sonne aufging, spürte Brighde einen frischen Wind auf ihrem Gesicht, dazu von Ferne den salzigen Geruch des Meeres.

Austernfischer - Gille-Brighde, Foto: Pixabay
Austernfischer - Gille-Brighde, Foto: Pixabay

Auf einmal waren die Fußspuren verschwunden. Brighde sah sich suchend um. Da hörte sie über sich den Ruf eines Austernfischers. „Sag mir doch, mein Freund, welchen Weg soll ich gehen?“ Da flog der Vogel einen weiten Bogen und rief: "Hierher, o Brighde, Brighde, Brighde, Brighde…" Und seit diesem Tag wird der Austernfischer auf Gälisch "Gille-Brighde“, der Freund von St. Brighde genannt.

 

Brighde folgte dem Flug des Vogels und sah schließlich vor sich zwei Ebereschen, deren Äste ineinander verflochten waren, so dass sie ein Tor bildeten. Ihre Beeren leuchteten blutrot in der Sonne. Sie trat durch das Tor, und Zeit und Raum versanken. Als sie die Augen öffnete, war sie wie geblendet vom Violett des blühenden Heidekrauts auf den Hängen von Iona. Von Ferne erklang der Ruf des Austernfischers, blau funkelte das Meer rund um die vertraute kleine Insel. Unter ihr lag die Hütte des Vaters, eine dünne Säule blauen Rauches stieg aus dem Schornstein empor.

Brighde ließ sich umarmen vom Duft des Heidekrauts, vom Blöken der Schafe und vom Hauch des Salzwindes. Dann lief sie hinunter zur der kleinen Hütte. Dughall Donn saß vor der Tür im Sonnenschein. Silberfäden durchzogen seinen Bart und sein Haar. Er lächelte: "Da bist du ja, Brighde, mo cridhe. Wo magst du nur wieder gewesen sein, mein Kind….“

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